Menuhin und wie er die Welt sieht
info@gerard-menuhin.de

Interview mit Gerard Menuhin

Gerard Menuhin wurde 1948 als Sohn des Jahrhundertgeigers Yehudi Menuhin (1916-1999) und seiner Frau, der Tänzerin Diana Rosamund Gould, geboren. Nach dem Besuch des Eton College und dem Studienabschluss an der Stanford Universität in Kalifornien war er in New York, Paris und London in der Filmindustrie tätig, unter anderem als Filmproduzent bei United Artists.

„Vorgefasste Meinungen verwerfen“

Herr Menuhin, Sie setzen sich für eine Vielzahl humanitärer, ökologischer und kultureller Projekte ein. Woher nehmen Sie den Antrieb für dieses weitgefächerte Engagement?

Menuhin: Ich teile mit meinem verstorbenen Vater eine Sehnsucht nach praktischen Antworten und Lösungen. Er, der so viele Leute mit seiner Musik, mit seiner Großzügigkeit und seinen neuen Ideen glücklich gemacht hat, hatte wenig Toleranz gegenüber kleinlichen, beschränkten Mentalitäten.

Über viele Jahre habe ich mich für die Restaurierung von historischen Gebäuden, Friedhöfen, Statuen in Mitteleuropa und besonders in Sachsen eingesetzt. Mir ging es besonders um die Schaffung von Arbeit und darum, dass das damit verbundene handwerkliche Können nicht verloren geht.

Was die vielen Projekte meines Vaters angeht, ist es mir nicht nur Pflicht, sondern auch eine Ehre, sie zu unterstützen. Die von ihm in England gegründete Schule feiert ihr 40-jähriges Bestehen. Die 1977 ins Leben gerufene Musikakademie in der Schweiz ist eine anerkannte Institution, die jungen Musikern aus aller Welt die Gelegenheit bietet, in Meisterklassen zu lernen und gleichzeitig zusammen auf Konzerttourneen zu spielen. Mein Vater gründete auch „Live Music Now“, um die Musik auch an Orte wie Spitäler und Gefängnisse zu bringen. Das Ziel seines Projekts „MUS-E“ (“Music at school in Europe“, Anm. d. Red.) ist es, dass Schulkinder ihre Persönlichkeit entfalten, Kreativität zu fördern und soziale Kompetenz zu stärken.

Was überall „networking“ genannt und an Universitäten gelehrt wird, ist für mich selbstverständlich. Die Lösung von Problemen beginnt mit dem Willen, vorgefasste Meinungen und Gewohnheiten zu verwerfen, und endet mit einer Lösung, von der alle Beteiligten etwas haben.

Sie waren außer Ihrer Berufstätigkeit auch als Schauspieler und als Schriftsteller – 1986 erschien Ihr Roman „Elmer“ – aktiv.

Menuhin: Schauspieler war ich, wenn Sie so wollen, im Alter von zwölf Jahren. Das Stück war damals in London ein Erfolg. Hingegen schreibe ich nach wie vor, wenn ich die Zeit dafür habe. Einfach weil ich es liebe, meine Gedanken aufzuschreiben, und weil ich gerne mit Sprache umgehe.

„Achtung für deutsche Kultur, Zuverlässigkeit und Objektivität“

Schon 1947 trat Ihr Vater zusammen mit Wilhelm Furtwängler im vom Krieg gezeichneten Deutschland auf. Immer wieder verzichtete er auf die Honorare seiner Konzerte zugunsten deutscher Flüchtlingskinder. Teilen Sie seine Deutschfreundlichkeit?

Menuhin: Wir hörten oft Deutsch zu Hause – sogar meine Mutter, eine Engländerin, sprach einigermaßen gut deutsch – und ich bin mit Achtung für die deutsche Kultur, die deutsche Zuverlässigkeit und Objektivität aufgewachsen. Ich fühle mich immer wohl in Deutschland. Ich habe Vertrauen in ein Volk und ein Land, in dem man öfter ein sachliches Gespräch führen kann, ohne Schein und Anmaßung, als in manchen südlichen Länder.

Erstmals kennen gelernt habe ich Deutschland, als ich mit neun Jahren in Hermannsberg, einer Zweigschule von Salem, zur Schule ging. Im Vergleich zum Schweizer Internat und zum französisch geprägten Bildungswesen war dort ein Paradies.

Ihr Vater gab als Siebenjähriger sein offizielles Debüt. Wunderkinder wie er haben es oft nicht leicht. Ihr Vater schien, trotz der einen oder anderen Krise, das Gegenteil zu belegen.

Menuhin: Mein Vater hatte eine kindlich-fröhliche Seite. Er freute sich an einem Essen im Freien, an einem Spaziergang, an harmlosen Späßen. Sein Enthusiasmus war unüberwindbar. Er war kein naiver Mensch, aber er sah immer das Beste unter seinen Mitmenschen. Schon als junger Künstler hoffte er, die Welt durch die Musik verbessern zu können. Es ist ihm fast alles im Leben gelungen. Er ging von Erfolg zu Erfolg, schaute nie in die Vergangenheit, sondern stets nach vorne. Es wäre allen lieber gewesen, wenn er nicht so viel gearbeitet hätte, nicht soviel von sich selbst verlangt hätte. Dadurch wäre er vielleicht noch zehn Jahre länger am Leben geblieben. Trotzdem ist ein erfüllenderes Leben kaum vorstellbar.

„Die kurzsichtige Politik der israelischen Machthaber“

Ihr Großvater Moshe Menuhin, Mathematiker von Beruf, stammte aus Russland, wanderte nach Palästina aus und ging von dort nach Amerika. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Menuhin: Als Kleinkind fuhr ich oft mit meinen Großeltern zum Strand nach Santa Cruz. Das waren die schönsten Zeiten. Ich bin froh, dass ich meinen Großvater auch als Erwachsener erlebt habe. In den frühen Siebzigerjahren studierte ich in Kalifornien. Sonntags besuchte ich meine Großeltern. Da gab es immer ein aufregendes Tischgespräch. Meistens waren auch arabische Freunde meines Großvaters zu Gast, manchmal ein Prinz aus Saudi-Arabien, manchmal ein palästinensischer Lehrer. Mein Großvater entstammte einer langen Reihe von Rabbinern. 1965 erschien sein Buch „The Decadence of Judaism in Our Time“, das auf seine tiefe Enttäuschung über die Zionisten und ihr Ziel eines „Großisrael“ zurückgeht. Als er in Palästina gelebt hatte, vertrugen sich Araber und Juden noch. Jetzt musste er beobachten, wie der neue Staat Israel Araber wie Menschen zweiter Klasse behandelte und vertrieb – als ob die Juden vergessen hätten, dass sie Jahrhunderte lang selber verfolgt worden waren. Mein Großvater wusste, dass dieses Benehmen zu immer blutigeren Unruhen führen würde. Ich bin die dritte Generation der Familie, die an einen unabhängigen Palästinenserstaat glaubt und die kurzsichtige Politik der israelischen Machthaber ablehnt.

„Die EU – ein Monster, das ungeheure Summen verschluckt“

Sie verfolgen die Entwicklung der Europäischen Union mit Sorge. Wieso?

Menuhin: Als in den Fünfzigerjahren die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl gegründet wurde, gab es ein ganz konkretes Ziel. Man wollte den Frieden bewahren. Seitdem ist man weit über dieses Ziel hinausgeschossen und hat ein Riesenbeamtentum aufgebaut - eine Art sich selbst vermehrendes Unkraut. Niemand stellt die Frage, warum eine größere EU von Vorteil sein soll. Die EU ist zu einer unübersehbaren Größe angewachsen – ein Monster, das ungeheure Summen verschluckt, von denen Deutschland am meisten bezahlt.

Jetzt möchte die EU ihren Mitgliedsländern eine Verfassung aufbürden, als ob es um eine einzige Nation ginge. Gleichzeitig bleiben unzählige Fälle von Verschwendung und Korruption ungeahndet.

Was sollte Ihres Erachtens geschehen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Menuhin: Es gibt nur einen Weg, um diesem Unsinn ein Ende zu machen – und zwar fiskalischen Widerstand, bürgerlichen Ungehorsam. So etwas mag sehr undeutsch erscheinen, ist aber dringend notwendig. Wenn einer seine Steuern nicht bezahlt, wird er bestraft. Wenn Tausende oder sogar Hunderttausende ihre Steuern verweigern, muss die Regierung ihre Sorgen beachten. Ein solcher Steuerstreik braucht Mut und Vorbereitung. Aber sonst ist nichts wirkungsvoll entgegenzusetzen. Ein Volk kann nicht ewig ausgenutzt und ausgebeutet werden.

"Drei fundamentale Anderungen".

Das ist ein ziemlich weitgehender Vorschlag. Aber leider versteht der deutsche Staat bei den Steuern keinen Spaß. Was würden Sie sonst noch ändern, wenn Sie könnten?

Menuhin: Ich würde gern drei fundamentale Änderungen sehen:

Erstens sollten Steuergelder dort ausgegeben werden, wo sie bezahlt werden, also in Deutschland, in den Bundesländern und hauptsächlich in den Gemeinden. Solange es ein Defizit gibt, sollte kein öffentliches Geld im Ausland ausgegeben werden.

Zweitens bin ich für mehr Unterstützung der Handwerker und ihrer Metiers. Ein Mechaniker oder ein Stuckateur kann etwas – im Gegensatz zum Beispiel zum Börsianer oder zum so genannten Wirtschaftsexperten.

Drittens die Befreiung der Umweltthemen aus dem Griff der linken Parteien. Saubere Luft und sauberes Trinkwasser sind Anliegen der Allgemeinheit.