Menuhin und wie er die Welt sieht
info@gerard-menuhin.de

Das virtuelle Volk

„Der Souverän hat gewählt.“ Wie oft hören wir diesen und ähnliche Sprüche in der Zeit der Wahlen. Danach wird der Souverän wieder an seinen Platz verwiesen. Das heißt an virtuelle Stelle. Dann ist er nicht mehr „Souverän“, sondern Untertan.

Wir leben in einer virtuellen Welt. Es gibt virtuelle Musiker (DJs), virtuelle Fussballspieler (Fans), virtuelle Krieger (Computerspieler). Und vor dem Bildschirm erleben wir virtuelle Emotionen. Auch unsere Sprache bekommt mehr und mehr virtuelle Züge. Sie ist überschwemmt von (meist) englischen Ausdrücken, die vielen zwar in Wahrheit nicht verständlich sind, die dafür aber modisch klingen.

Wir sind gewöhnt an ein virtuelles Leben, bestenfalls ein halbechtes Leben. Sollen wir uns stündlich kneifen, um uns daran zu erinnern, dass wir das Volk sind?

Wenn wir Glück haben, wird unser Land in keinen Krieg gezogen. Wir dürfen dann unser tägliches Leben zumindest ohne diese Bedrohung führen. Es gibt sowieso genügend Verunsicherungen und Sorgen – um die Arbeit, um den Partner, um die Kinder, um die Gesundheit. Wenn wir aber eine mehr oder weniger vernünftige Laufbahn einschlagen und unsere Beiträge bezahlen, dann sollte es uns in höherem Alter möglich sein, einen gesicherten Ruhestand zu genießen. Dafür haben wir doch lebenslang Steuern und Sozialbeiträge bezahlt und uns gehorsam in die Gesellschaft eingeordnet.

Was aber, wenn unsere berechtigten Erwartungen enttäuscht werden? Warum könnte das passieren? Gibt es denn eine weltweite Depression wie 1929? Gibt es etwa eine Inflation wie in Deutschland 1923? Nein, Sozialleistungen werden gekürzt, einfach weil die deutsche Regierung unfähig ist, die ihr anvertraute Arbeit zu tun und das Land ordentlich zu verwalten. Die Regierung schüttet großzügig Geld für unnötige Zwecke aus, an Menschen und Organisationen die es nicht nötig haben, die es nicht verdienen, die keinerlei Steuern oder sonstige staatliche Beiträge geleistet haben. Und auf einmal bleibt nichts mehr übrig für die normalen Aufgaben, deren Erfüllung das deutsche Volk erwarten kann: Schulen, Renten...

Was macht dann der Souverän? Er akzeptiert es resigniert. Fühlt er sich nicht betrogen? Was ist, wenn er sich plötzlich nicht mehr so fügsam zeigt? Was, wenn er eine Stiftung gründet, um Steuern zu sammeln und Renten direkt den Einzahlern zu überweisen? Wenn er das Geld der Bürger nur mehr für bürgerlichen Nutzen ausgeben will?

Wenn die Politik überwiegend Opportunisten und Sucher nach Sinekuren anlockt, wird das Volk diesen Politikern die Verwaltung Deutschland nicht länger überlassen wollen. Versucht es das, wird aus dem virtuellen das aktuelle Volk.

Gerard Menuhin