Menuhin und wie er die Welt sieht
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Braucht Europa neue Gesetze gegen
„Antisemitismus“ und „Holocaustleugnung“?

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Zypries,

ich mache mir Sorgen um Sie. Sie meinen, ich sollte mich als Jude lieber geschmeichelt fühlen, dass Sie mich in Schutz nehmen wollen durch Ihren Versuch, Antisemitismus europaweit zu bekämpfen und dazu das Leugnen und Verharmlosen des Holocaust in ganz Europa unter Strafe zu stellen?

Aber ich frage mich, von wem ich bedroht sein sollte. Gehen Sie bei Ihrem Bemühen, uns zu schützen, vielleicht von der Vorstellung aus, wir litten unabwendbarerweise an „jüdischer Paranoia“? Das finde ich wirklich judenfeindlich. Für wie realitätsfern halten Sie uns eigentlich? Trotz der täglichen Angstmacherei durch unzählige mit Antisemitismusüberwachung und -bekämpfung befasste Stellen fühlt sich wahrscheinlich keiner der (von der Jewish Virtual Library 2005 zurückhaltend auf 1.121.000 bezifferten) Juden in EU-Europa von Holocaustleugnern bedroht. Von Einbrechern vielleicht. Von Ihrem Großen Lauschangriff möglicherweise, der Ihnen immerhin den „Big Brother Award“ 2004 einbrachte. Aber nicht von Holocaustleugnern.

Wollen Sie Gilad Atzmon in Ketten sehen?

Nichtsdestoweniger sind Sie gesonnen, der Bevölkerung von 27 EU-Staaten – über 480 Millionen Menschen – dieses Gesetz aufzubürden. Auch uns Juden. Erinnern Sie sich nicht, wie am 27. November 2005 der in London lebende israelische Schriftsteller und Musiker Gilad Atzmon in Bochum wohl nur knapp seiner Verhaftung entgangen ist? Laut dem damaligen Bericht der Ruhr-Nachrichten vom 29. November hatte er „die uns bekannte Geschichtsschreibung über den Holocaust als eine komplette, von Amerikanern und Zionisten initiierte Fälschung“ dargestellt und behauptet, es gäbe „,keinerlei forensischen Beweis’ für die Zahl von sechs Millionen Todesopfern“. Wollen Sie Juden wie Atzmon in Ketten sehen? Seien Sie doch froh, dass er rasch nach Großbritannien zurückkehren konnte, wo eine Vorschrift gegen Verharmloser nicht existiert! Das Wissen um historische Fakten bedarf doch auch sonst nicht strafrechtlichen Schutzes.

Sie sagen, die EU soll ein einheitlicher Rechtsraum werden? Ich meine, der einfache EU-Bürger würde andere Formen der Gleichschaltung wahrscheinlich bevorzugen – zum Beispiel einheitliche Steckdosen.

Aber wenn Ihr Anliegen weder den Juden noch der sonstigen Bevölkerung dient, wem nutzt es? Ich nehme an, dass Sie Ihren Kreuzzug ohne einen besonderen Fingerzeig etwa des öfters bei Christiansen auftretenden und nett lächelnden Herrn Gedmin (bekannt als Bindeglied zwischen Frau Merkel und amerikanischen/zionistischen Interessen) unternommen haben. Inzwischen weiß jedes Mitglied der deutschen Bundesregierung, was von ihm erwartet wird. Aber eine völlig nutzlose Verschwendung von Zeit und Steuergeld wie Ihre Initiative kann doch niemand ernsthaft von Ihnen verlangen!

Ich will Ihnen – Gott bewahre! – nicht zu nahe treten, aber meine Motivsuche muss noch weitere Möglichkeiten in Betracht ziehen. Mancher würde vielleicht darauf tippen, Sie seien eine „unerfüllte Frau“, dass Sie so etwas Unnötigem wie einem zusätzlichen Antisemitismusgesetz nachjagen. Oder haben Sie vielleicht selbst etwas zu rächen? Auch nicht. Dann bin ich echt perplex.

Ein klarer Fall von „Overprotection“

„Antisemitismus“. Meine Güte, ein langes Wort dafür, dass es bedeutungslos ist! Sein Erfinder, der Journalist Wilhelm Marr, wollte 1879 einen neuen Ausdruck für Judenfeindlichkeit an die Hand geben. Wusste er nicht, dass es nicht genügt, ein griechisches Präfix vorne und ein ebensolches Suffix hinten („anti“ und „ismus“) anzuhängen, um Wissenschaftlichkeit vorzumachen? Das von Marr fabrizierte Wort könnte höchstens eine Ablehnung der semitischen Sprachen bedeuten. Zu den „Semiten“ aber gehören eine Reihe orientalider und armenider Völker, auch die Araber. Das Wort ist also eigentlich ein Unding und besagt zumindest nicht das, was die meisten annehmen. Trotzdem regen wir uns ewig darüber auf.

Etwas geheimnisvoll, wie dieser Begriff Teil unseres Alltags-Wortschatzes geworden ist. Fast noch geheimnisvoller ist das bei dem Ausdruck „Holocaust“. Alte englisch-deutsche Wörterbucher vermerken zu dem biblischen Begriff „holocaust“: Brandopfer, Gemetzel. Aber so wie aus dem Begriff „Antisemitismus“ Araber ausgeschlossen bleiben, werden seit 1978 andere hingemetzelte und selbst im Wortsinne durch Feuer umgekommene Menschen wie zum Beispiel die Opfer der alliierten Angriffe auf Dresden immer mehr aus dem Begriff „Holocaust“ ausgenommen.

Es missfällt mir, dass wir Juden nicht nur „überbehütet“ werden – in der Erziehungswissenschaft kritisiert man zu Recht die „Overprotection“ –, sondern dass dies auch noch mit verschwommenen, verdrehten Wörtern geschieht. Ihnen, Frau Bundesministerin Zypries, aber ist begriffliche Klarheit offensichtlich gleichgültig. Sie betrachten es als Ihre historische Pflicht, die EU-Gesetze zu harmonisieren. Sie möchten während der sechsmonatigen deutschen EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2007 europaweit Strafvorschriften für „Gegner semitischer Sprachen“ und „Gemetzelverharmloser“ durchboxen.

Es gibt keine Meinungsfreiheit von Fall zu Fall

Auch die Meinungsfreiheit ist für Sie eine Kleinigkeit, obwohl sie eines der höchsten Güter der Demokratie ist. Wer die Meinungsfreiheit unterdrückt, verneint die Demokratie. Es ist unmöglich, die Meinungsfreiheit nur teilweise und von Fall zu Fall zu gewährleisten. Das ist wie bei einer Schwangerschaft: entweder ist frau schwanger oder nicht.

Schließlich ist auch der Begriff „Volksverhetzung“ unerträglich herablassend. Das Volk wird nicht durch Meinungen verhetzt. Volksverhetzung ist bloß ein Totschlagwort von Politikern, die durch Lobbyisten eingeschüchtert sind und es als den bequemsten Weg betrachten, die Freiheit des Volkes durch zusätzliche Gesetze zu beschränken.

Auf einer Antifa-Seite – dort werden, wenn Sie so wollen, Deutsche gegen Deutsche „aufgehetzt“ – habe ich gelesen, dass der Buchstabe Z für „Zivilcourage“ stehe. Leider ist dieses früher so noble Wort derzeit ebenso entwertet wie das hehre Wort „Demokratie“ zur bloßen Hülse zu verkommen droht. Wer zeigt denn wirklich Zivilcourage, Frau Bundesministerin? Mitläufer der Medienmafia und glückliche Sklaven der zionistischen Sache? Oder der Dissident, der es wagt seine Gedanken zu äußern, obwohl er weiß, dass es ihn teuer zu stehen kommen kann?

Mit freundlichem Gruß
Gerard Menuhin